Der Rosenthaler

Investoren machen die Grenze dicht

Politik

Im Vordergrund der markierte Verlauf der ehemaligen Mauer, links entsteht „The Garden“, hinten rechts baut der BND

Chausseestraße: Vom Mauer- zum Boomstreifen
Während sich an der East-Side-Gallery heftigste Proteste gegen die Neubauprojekte formieren, scheint es in „unserem“ Grenzstreifen problemlos möglich zu sein, Luxuslofts zu errichten. Wir haben aber auch keine Mauerreste mehr - sieht man von den etwa 15 Metern original Vorderlandmauer am östlichen Ende der Liesenstraße einmal ab. Das Stückchen kennt jedoch ohnehin kaum einer und steht außerdem den hiesigen Bauprojekten nicht im Wege.

Endgültig verschwunden sind im Zuge der aktuellen Baumaßnahmen allerdings weite Teile der sogenannten Hinterlandmauer und des Postenweges östlich der Chausseestraße. Dort haben die Arbeiten für zwei größere Projekte begonnen, die bis 2015 fertiggestellt werden sollen.
Auf dem Grundstück Liesenstraße 3-5 entstehen 148 Wohneinheiten mit insgesamt 12.400 qm Wohnfläche. Südlich davon wird es etwas größer und offensichtlich auch noch nobler: The Garden - Ein Projekt der Kölner Entwicklungsgesellschaft Pantera AG mit insgesamt annähernd 300 Wohn- einheiten. Laut eigener Bekundungen soll das ein Ort werden, „der die aufregendsten Facetten von Berlin vereint und gleichzeitig Rückzug bietet“. Der Eingang liegt zur Chausseestraße 57- 60 und wird damit die Lücke auf der rechten Straßenseite zwischen beste- hender Bebauung und der Tankstelle schließen.
Mit Kaufpreisen von über einer Mil- lion Euro für eine 200 qm-Wohnung dürfte der Begriff „Kiez-Aufwertung“ eher als wohlwollendes Understate- ment gewertet werden. Das schien aber selbst die Punks und Besetzer der auf dem Grundstück abgerissenen Häuser- ruinen nicht weiter gestört zu haben, denn deren Räumung im vergangenen Jahr verlief erstaunlich unaufgeregt - keine Abendschau, keine Demonstran- ten und kein David Hasselhoff.

Bebauung auch zu Mauerzeiten
Städtebaulich scheint gegen die Maß- nahmen nicht viel zu sprechen, zumal an dieser Stelle bereits vor dem Zweiten Weltkrieg die zur verdichteten Stadt gehörige Blockrandbebauung vor- herrschte. Selbst zu Mauerzeiten stand hier auf dem Grundstück Nr. 94 eines der ganz wenigen Gebäude innerhalb des Berliner Grenzstreifens überhaupt, also zwischen Vorder- und Hinterland- mauer: Das Kriegervereinshaus von 1910. Während an anderer Stelle der Streifen von allem befreit wurde, was störte, wie z.B. bei der Sprengung der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße 1985, nutzte man das heute un- ter Denkmalschutz stehende Wohn- haus für die Passkontrolle der Grenz- übergangsstelle Chausseestraße.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte zu dem Haus noch ein westlich gelegener Festsaal für über 2000 Men- schen. Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts haben hier und in den Pharus-Sälen auf der Müllerstraße sowohl Goebbels als auch Hitler verschiedene Auftritte ge- habt, welche Anlass zu den größten Straßenschlachten in der Berliner Geschichte gaben.

Wohnen an der Panke
Auf dieser Straßenseite wird eben- falls die Lücke auf dem Rest Mauer- streifen geschlossen. Mit dem für Ber- lin unverwechselbaren Namen „Urban Living“, konkretisiert durch den Zusatz „am Pankepark“, wirbt das Projekt für Käufer der insgesamt etwa 60 Wohnun- gen, die der zwischenzeitlich in Insol- venz geratene Unternehmer Meermann nunmehr mit der BUWOG weiterbaut. Die drei sich zum Hof hin öffnen- den Häuser mit insgesamt 7.300 qm Wohnfläche sind bereits bald bezugsfertig. Im nächsten Schritt wird dann der Hof zur Straße hin mit weiteren Häusern (Nr. 89-91) geschlossen.
Die zukünftigen Bewohner blicken dann nicht nur auf eine parkähnliche Anlage, sondern sogar auf einen richtigen Fluss. Denn die aus dem Wedding kommende, ab hier renaturierte Panke, wird sich als kleines Naherholungsgebiet anbieten.
Also, insgesamt 500 Wohnungen auf kleinstem Gebiet links und rechts der Chausseestraße, dort, wo ehemals der Eiserne Vorhang Mitte vom Wedding trennte. Angesichts der Kauf- und zu erwartenden Mietpreise wollen wir über Nebenaspekte wie Gentrifizierung, Mietpreissteigerungen etc. an dieser Stelle aber erst gar nicht nachdenken. Der Zug scheint auch für diesen Bereich des Kiezes schon lange aus dem Bahnhof zu sein.

Autor: Sascha Wendling

 
 

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